Flämische Meister, Flandern

Wie Jan van Eyck die Malerei revolutionierte

Falten, Bartstoppeln, Tränensäcke oder schiefe Nasen – ist euch schon mal aufgefallen, dass man sowas früher auf Gemälden nicht gefunden hat? Im Gegenteil, da wurde kräftig idealisiert und geschönt. Das änderte sich erst im Spätmittelalter mit Jan van Eyck (um 1390 bis 1441), einem der bedeutendsten Flämischen Meister und Wegbereiter der „Flämischen Primitiven“. Der Begriff, der aus dem 19. Jahrhundert stammt und für eine besondere Künstlergruppe und eine Malerei steht, wird heute kaum noch verwendet. Kein Wunder, verbindet man mit dem Wort „primitiv“ doch alles andere als das, was Künstler wie Jan van Eyck, Hans Memling, Hugo van der Goes und Gerard David damals geschaffen haben.

Schauen wir uns genauer an, was das revolutionär Neue war: Die „altniederländische Malerei“ wie es heute in der Kunstgeschichte heißt, steht nicht nur für fotografisch detaillierte Oberflächendarstellungen, für die schonungslos naturalistische Abbildung von echten Menschen mit all ihren Makeln. Sie steht auch für eine seit der Antike nicht mehr erreichte Naturbeobachtung und -treue sowie äußerst wirkungsvoll eingesetzte Lichteffekte und Farben. Zudem wurden die im Mittelalter üblichen Goldgründe durch realistische Landschaften als Bildhintergrund ersetzt. Es änderte sich aber nicht nur Maltechnik: Plötzlich hatten die Heiligen ihren Platz nicht mehr nur in den Gotteshäusern, sondern auch in den Wohnstuben der Bürger – wenn auch nur der Wohlhabenden. Diese ‘Verbürgerlichung’ und fotorealistische ‘Natürlichkeit’ weisen schon in die Neuzeit und sie begründen die europäische Malerei, wie wir sie heute noch kennen und bewundern. Eine ungemein wichtige Kunstepoche also. Weiterlesen …

Flandern, Kultur, Küste

Ostende – wo ein Kristallschiff die Streetart bringt

Direkt am Bahnhof geht’s los – wer in Ostende mit dem Zug ankommt, braucht nur einmal seitlich aus dem Bahnhof hinaustreten und kann ein großes Stück Streetart bewundern. Auf einer Hauswand findet sich eine riesige Arbeit, die der Künstler Eversiempre in leuchtenden Farben geschaffen hat. Diese zeigt einen Einwohner von Ostende, einen dunkelhäutigen Mann, der aus Afrika stammt. Mit seiner Arbeit will Eversiempre an die Zeit erinnern, in der Belgien als Kolonialmacht im Kongo herrschte und die Einheimischen dort Unterdrückung und Ausbeutung erlitten haben. Doch das Bild vermittelt auch eine hoffnungsvolle Stimmung und erzählt von einem bunten, vielfältigen Ostende in heutiger Zeit.

Das eindrucksvolle Mural ist im Rahmen des Streetart-Festivals „Crystal Ship“ entstanden, das der Initiator Bjørn Van Poucke nach einem Song der Rockband The Doors benannt hat. Im April dieses Jahres fand das Festival bereits zum dritten Mal in Folge in Ostende statt. Bis zu 20 Werke, vielfach so großformatige Wandbilder wie die von Eversiempre, sind dabei Jahr für Jahr entstanden. Internationale Künstler, darunter viele in der Szene sehr bekannte Namen, sind dazu in die flämische Küstenstadt gekommen, wie beispielweise Roa, Pixel Pancho, Guido van Helten oder Bué The Warrior. So ist dort eine reichhaltige Streetart-Galerie im Zeichen des Kristallschiffs entstanden, die zur Entdeckungsreise einlädt. Eine Tour ist im Zentrum, also um den Bahnhof, am Hafen sowie in und im Umfeld der Fußgängerzone gut zu Fuß machbar. Für die Werke, die etwas weiter abseits liegen,  empfiehlt es sich, ein Fahrrad zu nehmen.

Die Müllmänner von Jaune sind an diversen Straßenecken zu entdecken und für manche Überraschung gut. Foto: Meike Nordmeyer

Ich bin zu Fuß auf der Route unterwegs und starte an der Touristen Information an der Monacoplein, nahe der Strandpromenade. Im Touristenbüro ist ein Stadtplan zu „Crystal Ship“ erhältlich, in dem die Werke eingezeichnet und kurz erläutert sind. Viel Spaß machen mir auf meiner Tour nicht nur die großformatigen Werke, sondern auch die vielen kleinen Entdeckungen, die an Stromkästen, Häuserecken oder Mauervorsprüngen zu machen sind. Dafür gilt es genau hinzusehen und da ist es natürlich gut, zu Fuß unterwegs zu sein. Immer wieder begegnen mir kleine Figuren, Straßenreiniger in gelber und orangefarbener Arbeitskleidung. Diese kehren jedoch nicht die Straße und sorgen für Ordnung, sondern veranstalten völlig andere Dinge. Einer hangelt an einer Brüstung, ein anderer springt von einem Balkon in einen Berg von Müllsäcken, wieder einer dreht eine Zigarette oder einige kämpfen wie in einem Actionfilm mit einer übergroßen Farbsprühdose. Besonders schön ist die Gruppe, die sich zu einer Kundgebung zusammengetan hat unter dem Motto „We have nothing to say but we will say it loud!“, wie auf dem Foto oben zu sehen ist. Der Streetart-Künstler Jaune, der einst selbst als Müllmann gejobbt hat, platzierte die kleinen, humorvollen Figuren und Szenerien in der Stadt. Dazu sind viele weitere gewitzte Arbeiten in den Straßen zu entdecken, wie zum Beispiel der bemalte Blumenkübel von Oak Oak.

Der zornige Blumenkübel stammt von dem Künstler Oak Oak. Foto: Meike Nordmeyer

Ein Highlight ist es für mich immer, wenn ich ein Werk von dem aus Gent stammenden, mit seinen Werken international vertretenen Streetart-Künstler Roa entdecke. Und auch damit kann Ostende aufwarten. Nahe an der Fußgängerzone, an einer als Parkplatz genutzten Baulücke findet sich ein großformatiges Werk von Roa auf einer alten Hauswand. In seinem unverkennbaren Stil hat der Künstler hier in Schwarz- und Grautönen die Körper von Tieren detailgetreu gezeichnet. Hase, Eichhörnchen, Igel, Maulwurf und Maus – die in der Stadt und in Parks hausenden Nagetiere liegen aufeinandergestapelt. Fast könnte man bei dieser Tierpyramide an die Bremer Stadtmusikanten denken. Doch diese Tiere sind alles andere als unternehmungslustig. Sie haben die Augen geschlossen, sie schlafen ermattet oder sind vielleicht längst tot. Etwas Beklemmendes haben die Tierbilder von Roa immer an sich.

Unverkennbar ist dies ein großes Wandbild des aus Gent stammenden Künstlers Roa, das sich an einer Baulücke nahe der Fußgängerzone von Ostende findet. Foto: Meike Nordmeyer

Nicht weit entfernt von Roas Werk findet sich mitten in der Fußgängerzone eine feine Arbeit von Pixel Pancho. Sie zeigt ein braves Paar, einfache Leute aus vergangenen Zeiten, idyllisch von einem Blumenkranz eingerahmt. Doch auf deren Wangen besteht ein Durchblick ins Innere, in dem sich offenbar hölzerne Zahnräder befinden. Es ist typisch für den Künstler, dass er sogenannte Steampunks kreiert. Das sind menschenähnliche Maschinenwesen. In diesen Fall ist bei dem altertümlichen Paar mit den Zahnrädern offenbar eine sehr alte Technik im Einsatz.

Auch Pixel Pancho ist mit einer großformatigen Arbeit in Ostende vertreten. Foto: Meike Nordmeyer

In der Nähe des Hafens, beim Fischmarkt, fällt ein großflächiges Mural von Gaia ins Auge, das in diesem Frühjahr dort entstanden ist. Es zeigt eine übergroße Rettungsweste, aus der Blumen hervorragen – ein Bezug auf die von der Seefahrt geprägte Küstenstadt, in der die Menschen die Gefahr des Meeres und seiner Stürme nur zu gut kennen. Und sicherlich auch ein Verweis auf die vielen Menschen anderswo, die in diesen schwierigen Zeiten zu Flüchtlingen werden und in ihrer Verzweiflung den gefährlichen Weg in Schlauchbooten über das Meer antreten.

Ein wirkungsvolles Mural von Gaia ist nahe am Fischmarkt von Ostende entstanden. Foto: Meike Nordmeyer

Schon an diesen wenigen Beispielen wird deutlich, was für eine facettenreiche und spannende Streetart-Galerie in Ostende entstanden ist. Bei einer Tour zu Fuß habe ich viel entdeckt, und doch nur einen Bruchteil davon zu sehen bekommen. Ich muss unbedingt nochmal wiederkommen und dann mit dem Fahrrad losziehen, denn damit lassen sich auch die weiter außerhalb befindlichen Werke schnell erreichen. Und nach der Fahrradtour dann herrlich am Strand entspannen – das ist eine tolle Kombi, die sich in der Küstenstadt bietet. Für das Jahr 2020 ist eine weitere Ausgabe des Festivals Crystal Ship geplant, dann wird die Galerie in Ostende also noch weiter wachsen. Es bleibt spannend, was das Kristallschiff beim nächsten Mal in die Stadt bringt-

Weitere Infos

Jeden Sonntagvormittag finden Führungen zur Streetart in Ostende statt. Anmeldung und Treffpunkt ist an der Touristen Information an der Monacoplein 2. Die Führungen sind auf flämisch, mit Anmeldung können auch englischsprachige gebucht werden.

Wer die Streetart in der Stadt mit dem Fahrrad erkunden will, der kann über die Touristen Information ein Gefährt mieten und der Fahrradroute in dem Crystal-Ship-Plan folgen.

Weitere Infos zum Festival gibt es hier.

Flämische Meister

Rubens und Moretus – eine fruchtbare Freundschaft mit Folgen

Ich liebe Bücher und ich habe ein ausgesprochenes Faible für Kunst und Design. Ich verbringe viele Stunden in Museen, Ausstellungen und Bibliotheken. Die neue Ausstellung „Baroque Book Design. Eine Geschichte über Freundschaft und Zusammenarbeit“ im Museum Plantin-Moretus in Antwerpen ist daher ganz nach meinem Geschmack. Bis zum 6. Januar 2019 ist sie noch zu sehen. Sie ehrt nicht nur die Zunft der Buchgestalter, sondern auch Peter Paul Rubens als Buchdesigner.

Nachdem im Juni ja schon die ersten Ausstellungen im Rahmen des Themenjahres „Antwerp Baroque 2018. Rubens inspires“ eröffnet haben, folgt nun der zweite Schwung. Und dabei richten sich die Scheinwerfer des Festivals – in der Geburtsstadt des epochalen Topstars – auch wieder auf den großen Künstler persönlich. Dass Rubens mit seinen prallen Damen Lebenslust, Überschwang, Pioniergeist und ganz viel Emotion verkörpert, ist hinlänglich bekannt. Eher im Hintergrund bleiben häufig andere Aspekte seines künstlerischen Schaffens und des Netzwerks, das Rubens zeitlebens pflegte – etwa die Freundschaft mit dem Antwerpener Verleger Balthasar Moretus. Dieser lebte von 1574 bis 1641 und war Enkel des berühmten Christoffel Plantin und Sohn von Jan Moretus, den Begründern der großen Druckerdynastie in Antwerpen. Wohnhaus und Druckerei sind heute als Museum zugänglich.

Printing factory, Museum Plantin-Moretus, © Filip Dujardin

Balthasar I Moretus, Titelseite des Breviarum Romanum

In dem prächtigen Gebäude wird die jahrhundertealte Geschichte des Buches und der Buchdruckerkunst zum Leben erweckt. Ihr erhaltet einen Blick in eine einzigartige Sammlung: die ältesten Druckpressen der Welt, eine einmalige Bibliothek mit Zehntausenden von Büchern und eine herrliche Kunstsammlung. Unzählige Buchstaben liegen hier gut sortiert in den Regalen, als hätten die Setzer sie gerade erst dort hingelegt. Kein Wunder also, dass das Museum Plantin Moretus im Jahr 2005 von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannt wurde – übrigens als allererstes Museum der Welt.

Die Druckerei ist nicht nur ein eindrucksvolles Technikdenkmal, es ist auch die Keimzelle für eine neuen Gattung Buch. Im 16. Jahrhundert – der moderne Buchdruck in Europa war noch keine hundert Jahre alt – entstanden viele neue Arten von Büchern. Das ist nicht zuletzt Verlegern wie der Familie Plantin-Moretus zu verdanken. Sie suchten nach neuen Wegen, Informationen und Ideen auf Papier zu drucken und zu ordnen. Sie dachten darüber nach, wie Texte besser gesetzt werden konnten, wie Bild und Text zusammenspielten, und was die Titelseite eines Buches darstellen konnte und sollte. Damals entstand das gedruckte Buch, wie wir es heute kennen – und auch heute noch stellen sich Verleger und Designer zu Beginn eines Publikationsprojekts ähnliche Fragen.

Es war Balthasar I Moretus, der erstmals prominente Künstler für seine Buchprojekte gewann. Und hier kommt dann auch Rubens ins Spiel: als Freund der Familie hatte er bereits zahlreiche Familienportraits gemalt. Nun erhielt er zum Beispiel den Auftrag für die Illustrationen für neue Gebetbücher und machte sich damit erstmal als Buch-Designer einen Namen. Der Besuch im Museum Plantin-Moretus lässt daran keinen Zweifel und zeigt, dass auch Rubens‘ Zeitgenossen Erasmus Quellinus, Karel de Mallery, Peeter de Jode und Abraham Van Diepenbeeck Entwürfe für Titelseiten und Illustrationen lieferten und somit im Buchgewerbe mitmischten. Ihr könnt in der Ausstellung tief eintauchen in die Geschichte, das Handwerk und die Kunst des Buches. Weiterlesen …

Flämische Meister, Flandern

Schneller gelebt – Barockmaler Adriaen Brouwer

Der Nichtbrauer aus den Brauhäusern, bekommt in Oudenaarde seine große Show

Adriaen Brouwer ist einer der großen Flämischen Meister aus der zweiten Reihe, gleich hinter den Topstars Rubens, Rembrandt, Breughel, van Eyck. In Oudenaarde, seinem Geburtsort 30 Kilometer südlich von Gent, denkt man über den berühmtesten Sohn der Stadt natürlich anders. Obwohl: „Manche Menschen in Oudenaarde glauben wirklich“, sagt Fremdenführerin Bernadette van Damme, „Brouwer? Na, der war wahrscheinlich Brauer, oder?“

Zum Brauen hatte Brouwer (1605-1638) tatsächlich ein intimes Verhältnis. Seine Bilder zeigen mehrheitlich Szenen aus Brauhäusern. Wunderbare Trinkerfratzen hat er gemalt, selig besoffene Schluckspechte, grobschlächtige Bauern, ordinäre Tagediebe paffend oder prügelnd, Soldatenvisagen beim Kartenspiel, die Augen gern verdreht, glücksberauscht. Wirtshaussatire, lobt die Kunstgeschichte. Satire? Eher war Brouwer ein Dokumentarist des Alltags. Rubens, bei dem Brouwer jahrelang arbeitete, schätzte ihn außerordentlich und sammelte seine Bilder.

Ansonsten war die Wertschätzung Brouwers zu Lebzeiten überschaubar. Weil seine deftigen Motive bei Adel & Co gebremste Kauflust auslösten, gilt er als armer Poet unter den Pinselführern. Einmal wurde sogar sein Hausrat gepfändet. Er war bekannt für seine ungewöhnlich kleinen Werke (etwa DIN A4), die waren schnell zu verkaufen, das schnelle Geld schnell zu versaufen. „Brouwer hat drei mal so schnell gelebt wie andere“, sagt van Damme; er habe, heißt es 1876 in einer Biografie, „dem Bacchus wol manchmal mehr als gut huldigend“ gelebt und wurde auch nur 32 Jahre alt. Für sein Begräbnis in Antwerpen musste gesammelt werden.

Kein einziges Brouwerbild hängt in Oudenaarde. Das hat sich sich mit dem 15. September verändert. Dutzende Werke kommen aus New York, Los Angeles, Philadelphia, den Niederlanden (wo Brouwer in Haarlem mit Frans Hals arbeitete) und aus der Alten Pinakothek in München, die allein 17 Brouwersche Zechergemälde hat. Die Ausstellung ist im Museum MOU im alten Stadthaus zu sehen. Hier ist dauerhaft eine Sammlung riesiger Wandteppiche ausgestellt. Gobelin-Teppiche waren ab dem späten Mittelalter das Wahrzeichen der Stadt; in diesem Gewebe-Gewerbe arbeitete auch Brouwers Vater als Vorlagenmaler.

Die Operation am Rücken. 1636, Adriarn Brouwer, © Städel Museum, Frankfurt am Main, Arthothek

Das kleine Oudenaarde an der Schelde (Stadtkern nur 6.000 Einwohner) ist ein wohltuend luftiger Ort mit auffallend viel Freiraum zwischen Häusern, Grünflächen und dem Fluss. Ein Schlösschen gibt es noch, einen Beginenhof und neben einer früheren Textilfabrik eine niedliche Arbeitersiedlung mit dutzenden besterhaltenen Zweifensterhäusern aus den 1880er-Jahren. Das gotische „Stadhuis“ von 1526 ist eines der schönsten Belgiens, weil es gewissenhaft renoviert ist und unverbaut am Großen Markt liegt (von dem, zumindest weitgehend, seit vergangenem Jahr die Parkplätze eliminiert sind).

Oudenaarde

In der Oudenaarder Bierschmiede Roman, der ältesten Familienbrauerei Belgiens (derzeit in 14. Generation geführt), wissen sie um den Werbewert des Malers. Seit 2002 gibt es das Brouwer Cuvee in zwei Geschmacksrichtungen. Das stärkere lässt den Geschmack von Wildbret und Schokolade ahnen. Zum Ausstellungsjahr lockt seit Mai das dritte, extradunkel und extrastark mit 10 Prozent. Weiterlesen …

Flandern, Gent, Kultur

Design oder nicht sein

Immer wenn ich in belgischen Restaurants, Hotels oder Geschäften bin, wenn ich in die Häuser und Gärten schaue, dann habe ich das Gefühl, dass die Menschen hier ein ganz besonderes Verhältnis zu Gestaltung haben: Design oder nicht sein, so scheint mir das Motto vieler Flamen. Und so wundert es auch nicht, dass es in Gent ein ganzes Museum voll mit den wirklich schönen Dingen des Alltags gibt, mit Stühlen, Lampen, Stoffen und Objekten – das Design Museum Gent. Das möchte ich euch heute vorstellen.

Zugegeben, an dieser Stelle hab ich schon häufiger gesagt, dass das ein oder andere Museum in Flandern zu meinen Favoriten zählt. Das Design Museum Gent ist aber – zumindest bis jetzt – mein absoluter Spitzenreiter. Nur ein paar Gehminuten weg vom Trubel am Korenmarkt, liegt es in einer ruhigen Straße, der Jan-Breydel-Straat. Es ist ein Mekka für Ästheten und – ich hatte jedenfalls bisher immer Glück – auch eine Oase der Ruhe, denn in dem großen Komplex verteilen sich die Besucher schnell.

Das Design Museum:

Das Gebäude an sich ist schon eine Attraktion: Den Kern bildet das ehemalige „Hotel de Coninck“, ein 1755 erbautes Herrenhaus. In den schönen im Rokoko und klassischen Stil ausgestatteten Innenräumen könnt ihr über die alten knarzenden Parkettböden wandeln und Wandgemälde, Ledertapeten, Kamine und Holztäfelungen bestaunen. Die alten Polstermöbel und der hölzerne Kronleuchter katapultieren euch zurück ins 17. und 18. Jahrhundert. Und gleich im ersten Raum gibt es ein Fest fürs Auge: In dem gediegenen Ambiente des Salons sticht ein Tisch aus lauter Büchern hervor, die Platte eine Collage aus leuchtend bunten Buchdeckeln unter einer Gasplatte, eine Kunstwerk von Richard Hutten.  Ein spannender Kontrast, der gleich zu Beginn des Rundgangs die immense Breite der Sammlung des Museum repräsentiert, die nicht nur in dem imposanten Altbau, sondern auch einem 1992 ergänzten luftigen Neubau gezeigt wird.

An dieser Stelle macht es Sinn, kurz in die Geschichte des Museum zurückzublicken: Das Museum wurde 1903 vom „Verband der industriellen und dekorativen Künste“, einer privaten Organisation von Industriellen und Künstlern, gegründet. Zunächst hatte es sich auf Möbelstücke aus dem 18. Jahrhundert in verschiedenen französischen Stilen, darunter Rokoko, Neoklassizismus und Empire-Stil sowie zeitgenössische Objekte aus der Zeit um die Weltausstellung in Gent (1913) und aus den frühen 1920er Jahren in Paris konzentriert. Später kamen wundervolle Stücke aus der Zeit der Art Nouveau und Art Deco sowie italienische Postmoderne mit Studio Alchimia und Memphis dazu. Nach und nach hielt aber auch zeitgenössisches Industriedesign und künstlerisches Design Einzug. Was dazu führte, dass das nun auch räumlich erweiterte Museum 1995 in „Museum für Dekorative Kunst und Design“ und 2001 schließlich in Design Museum Gent umbenannt wurde.

Heute ist die Sammlung auf über 22.500 Objekte angewachsen. Sie umfasst angewandte Kunst und Design von 1450 bis heute und sie ist sowohl regional, national als auch international sehr vielseitig. Nirgendwo sonst in Belgien findet ihr solch ein zusammenhängendes Bild vom führenden Design seit dem Jugendstil.  Im Fokus steht dabei vor allem die Gestaltung von Innenräumen, von der Privatwohnung bis zum Büro – also von Möbeln über Keramik und Glas bis zu Textilien. Außerdem zeigt das Museum einige Klassiker des nationalen und internationalen Designs, die den jeweiligen Zeitgeist wundervoll widergeben.

Design Museum, © Joost Joossen

Ich empfehle Euch auf jeden Fall: bringt Euch viel Zeit mit. Es gibt so viel zu entdecken, und vor allem wiederzuentdecken, denn das ein oder andere schön gestaltete Stück habt ihr vielleicht selbst schon mal in den Händen  gehalten oder vielleicht schon selbst „besessen“, wie den Kultstuhl 03 von Maarten Van Severen oder den Elefanten-Hocker von Charles und Ray Eames.

Derzeit ist übrigens eine erneute Erweiterung geplant: In einem neuen Museumsflügel soll Platz für Sonderausstellungen, Workshops und Museumsgastronomie geschaffen werden. Spätestens dann werde ich wieder in mein Lieblingsmuseum fahren.

© Bas Bogaerts, Vist Gent

Flandern

Kunst in der Stadt – Streetart in Antwerpen

Früher fand ich Graffitis total hässlich. Vor allem diese Schriftzüge, die wunderschön renovierten Häuser verschandeln und wie mit einem Untertitel zu sagen scheinen: „Schönheit ist vergänglich“.
Doch dann entdeckte ich die Welt der Straßenkunst:. Ich erkannte, dass Straßenkunst nicht immer nur als Verschandelung zu sehen sein muss. Ich realisierte, dass zahlreiche Kunstwerke eine Botschaft zu überbringen haben. Und das vor allem Städte mit vielen sozialen Herausforderungen oft eine Vielzahl von richtig guten Kunstwerken zu bieten haben.

© Janett Schindler

Gibt es Streetart in Antwerpen?

Um ganz ehrlich zu sein – bisher kam mir Antwerpen nicht wie eine Stadt vor, in der sich Straßenkunst wirklich gut entfalten kann. Doch da habe ich mich gewaltig getäuscht. Antwerpen? Das ist nicht nur Rubens und Snijders – das ist nicht nur barocke Kirchenkunst und Architektur des 19ten Jahrhunderts.

© Janett Schindler

Wir treffen Tim Marschang vor dem Rubens-Haus. Er ist das, was man in Sachen Streetart in Antwerpen einen Experten nennt. Wenn jemand über die Künstler, Kunstwerke und vor allem neue Straßenkunst Bescheid weiß, dann er. Seine „Straßenkunst-Touren“ durch Antwerpen bietet er über Facebook an – und zeigt seit neuestem auch vier „barocke“ Kunstwerke. Ich bin neugierig – denn auch wenn ich zu diesem Zeitpunkt schon mehr als einem Tag in der Stadt in Flandern unterwegs war – wirklich viel „Streetart“ habe ich nicht entdecken können. Weiterlesen …

Antwerpen, Flandern, Kulinarik

Champagner der Arbeiterklasse – Die abenteuerliche Geschichte der Seef Brauerei in Antwerpen

Sechs Jahre lang hatte er für den Leibhaftigen gearbeitet. Johan van Dyck war Marketingdirektor bei Duvel-Bier. Er tat das so erfolgreich, dass ihn das Magazin Trends einmal zum PR-Manager des Jahres in Belgien kürte. Dann blätterte van Dyck, heute 42, zufällig in einem Buch.

Das Buch behandelte die vergessenen Brauereien in van Dycks Heimatstadt Antwerpen, weit mehr als hundert gab es bis Ende des 19. Jahrhunderts. Die meisten brauten Seefbier, las er, den „Champagner der Arbeiterklasse“, wie man sagte. Seefbier? Niemand wusste mehr etwas davon. Rezepte? Verschollen. Nur der Name Seefhook, also Seefviertel, gleich nördlich der historischen City war geblieben. Da standen die Sudkessel.

Johan van Dyck suchte. Er fand ein weiteres Buch mit alten Bierrezepten – was fehlte, war Seefbier. Drei Jahre lang forschte er in Archiven, besuchte alte Brauerfamilien und Seniorenheime. Erfolglos. Bis er auf einem Dachboden in einem alten Schuhkarton („Das war wie ein Einschlag aus heiterem Himmel“) den großen Treffer landete. Irgendwer hatte ein Seef-Rezept handschriftlich notiert – Buchweizen muss hinein, eine besondere regionale Hopfensorte, vor allem sehr spezielle alte Hefen.

© Johan v. Dyck via P. Eichhorn

Van Dyck war elektrisiert. Er kontaktete die führenden Brauereiwissenschaftler an der Uni Löwen, und tatsächlich: Man wurde in alten Hefebanken fündig. 2011 erste Brauversuche. Mit hinreißenden Ergebnissen. Begeistert eröffnete van Dyck seinem Arbeitgeber, er wolle fortan nebenher hobbybrauen. Weniger elektrisiert meinten die Teufelsmanager: „Das kannst du noch mit 65 machen.“ Johan van Dyck kündigte den Job.

Spätestens mit diesem Tag begann die verblüffende Erfolgsgeschichte der heutigen Antwerpse Brouw Compagnie. 2012 öffentliche Erstverkostung im Antwerpener Rathaus. Der Bürgermeister feierte das Bier als „kulturelles Erbe“ der alten Stadt. Nach wenigen Tagen war alles weggetrunken. Neider glaubten schon an „künstliche Verknappung“, ein Marketingtrick. Nichts da, sagte van Dyck. „Die Leute waren einfach verrückt danach“, sagt heute Johans Ehefrau Karen Follens, 41.

Die Fremdproduktion (bei der alten Roman-Brauerei in Oudenaarde) lief an, weil eigene Großbraukessel fehlten. „Ein Gottesgeschenk“, sagt van Dyck, „dass die dort genau die Installationsanlagen hatten, um das über hundert Jahre alte Bier herzustellen und wir sie nutzten durften“. Schnell wurde Seefbier international bestaunt und testgetrunken. Sieben Mal nahm man an Wettbewerben teil, schlechtestes Ranking: Platz 1. Also immer die Goldmedaille – auch beim World Bier Award in San Diego, „obwohl wir selbst gar nicht vor Ort waren“, sagt Follens.

Letzter Schritt: Die eigene Brauerei. Große Firmen als Teilhaber kamen nicht infrage, dafür kennt van Dyck das Braubusiness zu gut. So etwas fange gut an, aber dann werde von Kostendruck gesprochen, Rezepturen verbilligt. „Die downsizen schnell, verkaufen dich womöglich. Da kann man nur verlieren.“ Also kramte man „alle Sparcents“ zusammen, legte ein Crowdfunding für tausend Leute auf (lebenslange Bierbelieferung gegen Teilhaberschaft von 150-1000 Euro) und pachtete im Antwerpener Hafengebiet, nicht weit vom MAS (Museum Aan Stroom), eine Pumpstation aus dem 19. Jahrhundert.

Der unscheinbare Backsteinbau wurde ausgebaut zu einem schickem Braucafé und Nachbarschaftstreff, davor ein Biergarten. Seit August 2017 entsteht das neue Seefbier in einer silbern blitzenden eigenen Brauanlage (Kapazität: 30.000 Hektoliter/Jahr) direkt vor den Augen der Gäste. Viele Crowdfunder kommen immer mal wieder auf ein Bier vorbei. „Die glauben an uns. Das ist wie eine große Familie“, sagt Karen Follens.

Man merkt der Brauerei die PR-Kunst ihres Inhabers an. Braukompagnie – welch frischer alter Begriff. Es gibt ein ausgeklügeltes und ansprechendes Corporate Design in der Werbung, auf den Flaschen. Der Pater auf dem Etikett trägt Sneakers.

Mittlerweile haben Bierhistoriker auch geklärt, warum das alte Seefbier ausstarb. Pils war plötzlich angesagt, einfacher herzustellen und besser zu lagern durch neuartige Pasteurisierung. Es konnte industrialisiert in größeren Mengen hergestellt werden und überschwemmte auch Flandern mit konkurrenzlosen Preisen. Ein Fall von früher Globalisierung: Masse statt handwerklicher Feinarbeit. Weiterlesen …

Flandern, Kulinarik, Limburg

Ein fruchtbares Fleckchen Flandern: Die Heimat des Stroop

Man soll ja keine Äpfel mit Birnen vergleichen, aber man kann sie getrost in einen Topf werfen! Das machen etwa die Obstbauern im Haspengau, einer Region im Süden der Provinz Limburg, schon seit mehr als 150 Jahren. Das Ergebnis: der legendäre „Stroop“ ein Fruchtsirup. Auch ich kannte bisher weder die Region noch die süße Limburger Spezialität – bis ich mich auf eine leckere naturnahe Erkundungstour begeben habe.

Der Haspengau ist – nach Südtirol – die größte Obstregion Europas. Die Region, die auch „Obstgarten Flanderns“ genannt wird, erstreckt sich zwischen Hasselt, Sint-Truiden, Tongeren und dem Voerenland. Im Süden und Osten bildet die Maas eine natürliche Grenze. Die Region ist dünn besiedelt, die Landschaft einfach malerisch: sanfte Hügel mit Obstgärten und dazwischen die geschwungenen Mauern wie von Burgen – meinst stammen sie von befestigten Bauernhöfen. Und überall Obstbäume und -sträucher. Sogar Wein wächst hier. Schließlich bietet der fruchtbare Boden beste Bedingungen. Das ganze Jahr über kann man – dem Erntekalender entsprechend – die Region immer noch etwas anders erleben.

Ein absolutes Highlight ist die Obstblüte im April, wenn sich die Landschaft in ein riesiges buntes Blütenmeer verwandelt. Mir gingen beim Anblick Augen und Herz auf. Es gibt auch eine eigene Fahrradroute durch die „Terra Fecunda“, das bedeutet soviel wie „fruchtbares Land“. Im Gemeindehaus von Alken, im Norden von Limburg, könnt ihr Euch dazu einen „Verhalenfluisteraar“ ausleihen. Dieser Geschichtenflüsterer ist ein Gerät, das ihr an Euer (Leih-)Fahrrad klemmen könnt und das euch beim Radeln mit Hintergrundinfos, Musik, einem Hörspiel und mit Tipps versorgt. Auf dem kleinen Monitor zeigt es auch kleine Filmausschnitte von besonderen Punkten der Route.

Eine ganz besonders originelle Art, im Sommer die Natur im Flämischen Obstgarten hautnah zu genießen, bietet das Hotel Ri Coëme in Sint-Truiden, der Hauptstadt des Haspengaus, in diesem Jahr zum ersten Mal an: „Glamping“. Die fünf luxuriösen Zweipersonenzelte sind ausgestattet mit bequemem Boxspringbett, frischen Laken und gemütlicher Beleuchtung. Im nächsten Sommer könnt ihr den Logenplatz an der Obstwiese wieder genießen – für dieses Jahr ist alles ausgebucht.

Im Juni und Juli könnt ihr den Obstbauern zuschauen, wenn sie die Kirschen, Himbeeren und Erdbeeren ernten. Von August bis Oktober folgen Äpfel, Birnen und Trauben. Weiterlesen …

Antwerpen, Flandern, Gent, Kulinarik, Leuven

Haute Dogs – Was Foodies Marlon Brando zu verdanken haben

Als ich das letzte Mal in Flandern war, bin ich auf den Hund gekommen, und zwar einen ganz besonderen: den Haute Dog. Vielleicht habt ihr schon von diesem neuen Foodtrend gehört. Denn nicht nur Burger und Fleischbällchen kann man auch ganz anders, also mit frischen Zutaten, gesund und lecker herstellen, sondern auch Hot Dogs. Der Klassiker des Fastfoods erlebt gerade eine Renaissance, oder sagen wir besser: er wird ganz neu erfunden. Gourmet-Hotdogs sind zur Zeit der Renner auf Streetfood-Festivals, sie begeistern Foodies auf der ganzen Welt. Flandern ist hier ganz weit vorn, schließlich gibt es hier schon ein Restaurant, das Würst, das sich ausschließlich den ‘Haute Dogs’ widmet.

Wenn ihr einmal, wie ich eine der ungewöhnlichen Variationen bei Würst probiert habt, werdet ihr künftig bei Ikea am Ausgang nur noch milde lächeln und am Hot Dog-Stand kopfschüttelnd vorbeischlendern. Denn statt Wurst, Gurke und Ketchup kommen im Würst auch mal ganz andere Zutaten auf das Brötchen, wie zum Beispiel Pulled beef, Relish, Jalapeños, Ruccola oder Avocadocreme. Das hat mit Fastfood nicht mehr viel zu tun. So kommt bei Würst sicher jeder auf seinen Geschmack. Auf der Karte findet ihr alle möglichen Varianten vom „Dog Monsieur“ über den „Bacon Bearnaise“  bis zum „Memphis Soul“. Natürlich gibt es auch den klassischen Hot Dog, also fast: Der „Classig Dog“ wird mit Sauerkraut gereicht. Alle Kreationen gibt es auch glutenfrei und als Veggie-Version.

Haute Dog Mexico (c) Piet de Kersgieter

Die Idee für das Würst kam Jeroen Meus übrigens nach einer Folge seiner Fernsehkochshow „Plat Preféré“. In jeder Episode reiste Meus in das ehemalige Zuhause einer verstorbenen Berühmtheit, um das Lieblingsgericht dieser Persönlichkeit in Gesellschaft von Familienmitgliedern oder Freunden zu kochen. So kam es, dass er einen Hot Dog zu Ehren von Marlon Brando zubereitete. Seitdem hatte der Koch den großen Wunsch, eine raffiniertere und reinere Version des klassischen Snacks zu kreieren. Zurück in Leuven begeisterte er Filip Rondou, den besten Metzger der Stadt, von seiner Vision. Gemeinsam entwickelten sie die perfekte Wurst für Würst. Anschließend ließ sich Meus in der Biobäckerei De Trog in die Handwerkskunst des perfekten Brötchenbackens einführen und schuf die zu den Haute Dog Rezepten passenden Brotsorten. Bereits 2015 öffnete in Leuven das erste Würst- Restaurant, 2016 kam eine Filiale in Gent dazu. Mittlerweile gibt es noch einen Ableger in Antwerpen.

Mein Tipp: Lasst Euch im Würst einfach mal einen Haute Dog auf der Zunge zergehen. Am besten in Leuven, denn das bietet sich gerade eh für eine Genusstour an. Denn jedes Jahr Anfang August (so auch am 5. August 2018) stellt Leuven beim Foodfestival Hapje-Tapje sein kulinarisches Angebot vor. An diversen Ständen auf dem Oude Markt bieten Restaurants in Leuven kleine Häppchen. Da könnt ihr nach Herzenslust naschen und probieren und dabei auch viele Spezialbiere kosten. Und am Nachmittag geht’s um die Wurst, Quatsch um den Spaß, wenn die Barmänner und -frauen beim traditionellen Barkeeper-Race um die Wette rennen.

 

Antwerpen, Flandern, Kultur

Der etwas andere Lückenfüller: Jan Fabre und seine neuen Altarwerke in der Augustinuskirche

Wir haben ihn an dieser Stelle schon einmal vorgestellt: Jan Fabre, der Künstler, den ihr vielleicht von seiner eindrucksvollen Deckeninstallation „Heaven of Delight“ im Spiegelsaal des Brüsseler Königspalastes oder von seinem Kreuzträger in der Liebfrauenkathedrale in Antwerpen kennt. In der imposanten Kirche, quasi Auge in Augen mit den Meisterwerken der Flämischen Meister, hat er schon mal gezeigt, dass der auch „Kirchen“ kann.

Im Barockjahr „Antwerp Baroque 2018, Rubens inspires“ treffen wir den allround-Künstler wieder. Und wieder hat er sich einer Kirche gewidmet. Diesmal drückt er der ehemaligen Augustinerkirche, die in diesem Jahr ihren 400. Geburtstag feiert, seinen ganz besonderen künstlerischen Stempel auf. Die Kirche, die heute das Augustinus Musikzentrum (kurz AMUZ) beherbergt, bietet eine wirklich atemberaubende Kulisse für ein abwechslungsreiches Programm, in dessen Mittelpunkt Alte Musik steht. Als wichtigster Antwerpener Künstler und als Mann, der ausreichend Erfahrung mit ähnlichen Kunst-Integrationsprojekten hat, wurde Jan Fabre eingeladen, drei neue Kunstwerke für den wunderschönen barocken Innenraum zu schaffen. Die ursprünglichen Altarbilder waren 1628 bei keinen Geringeren als bei Peter Paul Rubens, Anthony van Dyck und Jacob Jordaens in Auftrag gegeben worden. Die wertvollen Originalbilder sind schon lange nicht mehr hier zu sehen, sondern Teil der Sammlung des Königlichen Museums der Schönen Künste Antwerpen (KMSKA). Im 20. Jahrhundert wurde die Lücke mit Bildern von Leon Van Ryssegem gefüllt. Nun ist mit den neuen Werken von Fabre ein der ursprünglichen Bedeutung des Ortes angemessener Ersatz geschaffen worden.

 

AMUZ, © Lennart Knab

Seit Kurzem hängen die drei neuen Bilder hier, ach was sage ich, sie leuchten hier! Denn als Material für seine neuen künstlerischen Interpretationen wählte Fabre wie bereits im Königlichen Palast Flügelpanzer des Smaragdkäfers. Damit zaubert er nicht nur erneut eine faszinierend blau-grün schillernde Oberfläche. Diesmal zeichnet  er auch mit gelb-orangenen Tönen und klar erkennbaren Linien Figuren in das ungewöhnliche Material. Durch diese Technik wird buchstäblich bei jedem sich ändernden Licht eine Metamorphose des Bildes erzeugt. Also lasst Euch überraschen von den neuen Lichtblicken in der alten Kirche! Auch wenn sich an den Bildern sicher – wie bei so vielen Kunstwerken – die (Geschmacks-)Geister streiten, einzigartig und ungewöhnlich sind die neuen Altarwerke auf jeden Fall.

Auch wenn sich Jan Fabre bei seiner Kunst an den Flämischen Meistern orientiert – für die Augustinkirche konzentrierte er sich auch stark auf die heutigen Funktionen der Kirche, die als Konzertsaal, Begegnungs- und Geschäftszentrum sowie als Aufnahmestudio dient. Wer genau hinschaut, entdeckt in den drei neuen Arbeiten den Notenschlüssel, das Mikrophon oder etwas, was ich als Lautstärkenanzeige einordnen würde. Denn in den drei Bildern überträgt Fabre die Altarstücke von Jordaens, Van Dyck und Rubens quasi in die Sprache des Jahres 2018. Er übersetzt – oder besser gesagt „erzählt“ die Altarstücke neu und passt sie an ihre aktuelle Umgebung an.  Zugleich vereint er in den drei Bildern Kernelemente aus seinem Oeuvre miteinander: das Lamm, das Feuer, die Frau, die Spiritualität und der Diamant als Symbol für Antwerpen. Dass Fabre mit seinen ungewöhnlichen Kreationen auch provoziert und polarisiert, gehört bei einem Künstler wie ihm eben dazu.

 

Aber macht euch einfach euer eigenes Bild von Jan Fabres neuen Altarstücken. Ihr könnt sie ab sofort bis einschließlich 9. August 2018 (montags von 14 bis 20 Uhr, dienstags bis freitags zwischen 14 und 17 Uhr) im AMUZ bestaunen. Danach kann das Werk noch während der Konzerte, bei speziellen Stadtspaziergängen oder montags von 14 bis 20 Uhr besichtigt werden. Zusätzliche Öffnungszeiten gibt es etwa am 4. August 2018 im Rahmen der Antwerpener Museumsnacht. Dann wird bis 4.00 Uhr bei der Afterparty in der Barockkirche üppig gefeiert. Daneben habt ihr auch die Möglichkeit, die Entstehung der Werke nachzuvollziehen: Die verschiedenen Collagezeichnungen von Jan Fabre, die Grundlage für die neuen Altarbilder waren, sind vom 6. Juli bis 4. November 2018 in der Kunstgalerie Rossaert in der Nosestraat zu sehen.